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Auch die einstigen Megaseller müssen heute etwas kleinere Brötchen backen, aber eines hat sich nicht geändert. Sänger Joey Tempest ist noch immer ein sehr freundlicher, angenehmer Mensch ohne jegliche Starallüren. Daher gestaltete sich mein Interview mit ihm in den Katakomben der Münchner Olympiahalle äusserst relaxt. Aber lest selbst:

 

S.T.: Ihr habt bereits 10 Shows auf Eurer Deutschland Tour hinter Euch und 5 sind noch geplant. Deutschland ist sehr glücklich, Euch mal wieder live erleben zu dürfen.

Joey Tempest: Es ist super, diese Chance zu bekommen, die deutschen Fans zu treffen und die Band wieder etwas bekannter zu machen. Außerdem können wir dieses Mal wieder für ein viel größeres Publikum spielen.


S.T.: „Last Look At Eden“ stürmte im September die Charts in Schweden (Platz 1) und vor ein paar Wochen habt Ihr dafür Gold bekommen. Fühlt sich gut an, oder?

J.T.: Wir sind alle sehr glücklich. Die Band, das Management und alle Beteiligten haben hart dafür gearbeitet. Was uns auch sehr gefreut hat ist, dass wir uns auch in England sehr gut platziert haben. Alle grossen Magazine haben uns gefeatured und wir sind sehr glücklich darüber. Ausserdem werden wir dort im Februar touren können.


S.T.: Wie läuft denn Eure Tour in Deutschland bisher?

J.T.: Oh, es läuft phantastisch. GOTTHARD ist eine tolle Band, ich denke, das Package ist super, die Leute lieben es.


S.T.: Viele Fans in Eurem Forum diskutieren über die Reihenfolge des Billings. Die meisten finden es nicht richtig, dass EUROPE sozusagen die Vorband ist. Wie kam es dazu?

J.T.: Nun, wir wurden sozusagen eingeladen. Wir dachten, es wäre eine tolle Sache mit GOTTHARD zu touren, um uns wieder einem grösserem Publikum präsentieren zu können. Wir sehen es als Doppel Headliner Tour an. Wir sind eine professionelle Band, der es nichts ausmacht, auch mal zuerst auf die Bühne zu gehen. Wir haben die ganze Welt bereist und über 1000 Gigs gespielt, da spielt es nicht immer die grösste Rolle, der Headliner zu sein.


S.T.: Die neuen Songs sind, wie ich finde, wieder etwas melodiöser und setzen in einigen Elementen die Tradition der „alten“ EUROPE fort. Wollt Ihr wieder back to the roots gehen?

J.T.: Wenn wir uns an ein Album machen, wissen wir meist nicht, was am Ende dabei herauskommt. Dieses Mal hatten wir sehr viel Spass bei den Aufnahmen und haben alles etwas lockerer angehen lassen. Wir wollten nicht auf Teufel komm raus etwas bestimmtes umsetzen und haben uns einfach inspirieren lassen. Und da kamen die grossen Melodien und die melodiösen Gitarrenriffs zurück, es war einfach grossartig. Wir haben überall auf der Welt tolle Reaktionen bekommen und das hat uns sehr gefreut. Die beiden vorangegangenen Alben waren härter und rauher, dieses Mal gibt es wieder mehr Melodien, wir wollten wieder einmal mehr in diese Richtung gehen. „Last Look At Eden“ ist mehr funky, mehr melodisch und positiver. Ich finde, es ist eine tolle Platte geworden.


S.T.: Und nebenbei ist „Last Look At Eden“ die dritte Scheibe in der neuen Ära von EUROPE. Denkst Du, dass das eine besondere Bedeutung hat?

J.T.: Ja, das dritte Album ist immer wichtiger, da hast Du recht, haha.


S.T.: Das Album wurde zu grossen Teilen auf Tour geschrieben, was man den Songs auch anhört, oder?

J.T.: Ja, definitiv. Es ist ein sehr spontanes Album, wir haben einfach nicht zu sehr über bestimmte Dinge nachgedacht, sondern einfach mal den Spass an der Musik in den Vordergrund gestellt. Und ich finde, dass es eine gute Entwicklung darstellt. Auf den beiden Vorgängern haben wir noch mehr versucht, gut rüberzukommen. Dieses Mal war alles etwas relaxter, aber dadurch haben wir diese positive Stimmung besser eingefangen und wir haben eine echt tolle Produktion.


S.T.: Ja, die Produktion ist echt sehr gelungen. Ihr habt ja mit einem sehr jungen und talentierten Produzenten gearbeitet.

J.T.: Ja, Tobias (Lindell) aus Götheborg. Er hat mit einer Band namens MUSTASCH zusammengearbeitet und sie hatten einen echt tollen Song, „Double Nature“, den wir sehr mochten und er war EUROPE-Fan, es war einfach eine tolle Kombination.


S.T.: Nun ja, ich kenne fast niemanden, der kein EUROPE-Fan ist oder war, haha.

J.T.: Ja, es haben einige Leute von uns gehört, haha.


S.T.: Kannst Du mir etwas über die Texte Eures neuen Albums erzählen?

J.T.: Nun, es gibt zwei Seiten auf „Last Look At Eden“. Lass mich auf ein paar einzelne Songs eingehen: Am Titeltrack haben wir vor der Wahl in Amerika gearbeitet. Es geht darum, dass es immer Hoffnung gibt. Zum Beispiel mit der Wahl von Barack Obama, die ich sehr gegrüsst habe. Es ist ein positiver Rocksong geworden, obwohl er im verborgenen eine politische Message hat. „New Love In Town“ handelt von der Geburt meines Sohnes vor 2 Jahren. „In My Time“ ist ein trauriger Song, der sich um John´s (Norum) Verlust seiner Frau vor einiger Zeit dreht. Die Themen sind aus dem Leben gegriffen und es gibt sowohl eine traurigere als auch eine positive Seite, funny wenn Du so willst. Ich spiele heute mehr mit Wörtern, durch meine Erfahrung all die Jahre kann ich heute Spass daran haben, Texte zu schreiben und neue Dinge auszuprobieren. Wenn mir etwas gefällt, verwende ich es auch, ohne daran zu denken, ob es jetzt in das „Rockschema“ passt oder nicht. Ich finde das einen tollen Fortschritt.


S.T.: Heutzutage arbeiten die meisten mit Orchestern und Arrangements aus der Konserve, schon aus Kostengründen. Ihr habt für 4 Songs mit dem Tschechischen Nationalorchester zusammengearbeitet. Kannst Du mir etwas über die Eindrücke Prags und diese Zusammenarbeit erzählen?

J.T.: Nun, wir haben ja schon einige Male in Prag gespielt, es ist eine tolle Stadt. Dieses Mal sind wir dorthin gekommen um zu arbeiten. Tobias (Lindell, Produzent), Mic (Micaeli, Keyboards) und ich reisten also nach Prag, wobei Mic den Löwenanteil der Arrangements gemacht hat. Er hat praktisch seine Keyboards für das Orchester übersetzt. Das Tschechische Nationalorchester besteht aus sehr vielen talentierten Musikern und sie haben schon viele grosse Filmmusiken umgesetzt. Es war eine tolle Erfahrung, es hat alles super geklappt und vor allem hat es sich grossartig angehört. Sie haben in nur 4-5 Stunden diese 4 Songs aufgenommen, das war phantastisch.


S.T.: Ihr habt bereits 2 Singles zum aktuellen Album veröffentlicht. Gibt es denn noch weitere Pläne bzw. einige unveröffentlichte Tracks?

J.T.: Nun, es gibt nur einen Song, der aber noch nicht fertig gestellt ist. Im Moment bestehen die sogenannten B-Seiten aus Live-Songs – und wir haben noch einige schöne Aufnahmen, um vielleicht nächstes Jahr noch ein weitere Single zu veröffentlichen. Was wir mit dem anderen Song machen werden, steht im Moment leider noch nicht fest.


S.T.: Eure alte Plattenfirma musste leider die Segel streichen und so standet Ihr ohne Deal da. Danach wurde Euer Acoustic-Album wurde praktisch ohne Promotion veröffentlicht. Nun habt Ihr mit Ear Music/Edel einen neuen Partner an Eurer Seite.

J.T.: „Almost Unplugged“ war eigentlich nie für eine Veröffentlichung gedacht. Aber wir wollten den Fans diese Songs nicht vorenthalten. Es war nicht leicht, einen neuen, geeigneten Partner zu finden, aber wir sind sehr glücklich mit unserem neuen Deal. Es ist eine wirklich tolle Zusammenarbeit.


S.T.: Du hast ja schon einige Solo-Scheiben veröffentlicht, gibt es denn diesbezüglich im Moment konkrete Pläne, was die Zukunft betrifft?

J.T.: Vielleicht gibt es eines Tages wieder einmal etwas in dieser Richtung, aber im Moment möchte ich mich voll und ganz auf EUROPE konzentrieren. Ausserdem hätte ich gar nicht die Energie, zwei Projekte gleichzeitig anzugehen. John (Norum) könnte das, wenn er es möchte, er hätte die Power, sich mehreren Aufgaben gleichzeitig zu widmen und trotzdem 100% zu geben. Aber ich bin da ganz anders, wenn ich etwas mache, will ich für die Sache alles geben, da kann ich nebenher einfach nichts anderes machen. Maybe one day...


S.T.: Du lebst seit langer Zeit in London. Welche Unterschiede in der Musikszene gibt es zwischen London und Stockholm Deiner Meinung nach?

J.T.: Hm, ich denke London ist vielschichtiger. Dort findest Du alles von A-Z, sei es Jazz, Rock in jeglicher Form oder jede andere Musikrichtung. Es gibt praktisch keine Grenzen. Jeder will nach London kommen, um dort den Durchbruch zu schaffen oder sich zumindest einen guten Ruf in der Szene zu erspielen. In Schweden bzw. Stockholm gibt es auch eine grosse Szene, vorwiegend aber im Rock- und Metalbereich. Dort existiert eine sehr grosse Extrem-Metalszene und viele Bands nennen EUROPE als eines ihrer Vorbilder, obwohl sie völlig andere Musik machen. Aber es ist schon cool, auch von genreübergreifenden Bands als Einfluss zu gelten.


S.T.: Eure Homepage ist sehr informativ und umfangreich gestaltet. Euer Tourblog z.B. ist ziemlich cool und lässt die Fans auch hinter die Kulissen blicken. Ihr habt ausserdem Euren eigenen mp3-Shop. Wie wichtig ist es für Euch, einen attraktiven Internetauftritt zu haben?

J.T.: Das Internet eröffnet vielen Musikern ungeahnte Möglichkeiten. Und auch etablierte Bands können viel davon profitieren. Wir legen sehr viel Wert auf unsere Homepage und ich denke, sie kann sich schon sehen lassen. Es steckt wirklich sehr viel Arbeit dahinter. Es macht aber auch viel Spass, noch näher an den Fans zu sein und sie immer mit Informationen versorgen zu können. Wir sind eine der wenigen Bands, die ihre Songs als mp3 direkt anbietet, was wir ziemlich cool finden.


S.T.: Warum bietet Ihr auf Eurer Page nur mp3´s Euer „neuen“ Ära an?

J.T.: Das hat ganz einfach rechtliche Gründe. Wenn wir etwas verkaufen, dann möchten wir auch davon profitieren können bzw. es gründlich machen. Daher haben wir uns entschieden, diesen Weg zu gehen. Aber vielleicht können wir eines Tages dort auch den Rest unserer Alben anbieten.


S.T.: Mit dem 1993er Album „Prisoners In Paradise“ wolltet Ihr ursprünglich härtere Wege beschreiten, aber die damalige Plattenfirma wollte das nicht zulassen. War dies einer der Gründe für Eure lange Pause?

J.T.: Wir wollten einfach etwas Neues ausprobieren und von unserem bisherigen Pfad abweichen. Die Musiklandschaft war im Totalumbruch und die Zeiten für klassische Rockmusik waren nicht gerade rosig. Wer weiss, wozu es gut war, dass wir danach den Schritt gewagt haben und uns für diese Pause entschieden haben, die dann aber doch bei Weitem länger gedauert hatte als geplant. Aber wir haben uns nie richtig aufgelöst, es war nur eine Pause. Als wir realisiert haben, dass das ganze 10 Jahre waren, war es höchste Zeit, wieder loszulegen und wir waren bereit, es noch einmal zu riskieren.


S.T.: Stell Dir vor, „The Final Countdown“ würde im Jahre 2009 veröffentlicht. Denkst Du, dass diese Hymne den selben Erfolg haben könnte?

J.T.: Hm, eigentlich war „The Final Countdown“ ein „Unfall“, wir dachten nie daran, dass dieser Song solche Wogen auslösen könnte. Wir wollten ihn zwar auf jeden Fall mit auf das Album packen, aber er war halt ein Song von vielen. Ich glaube, wir können heute noch nicht so ganz realisieren, was damals geschah, aber wir wussten schon, dass der Song ein gewisses Potential hatte. Vielleicht würden wir ihn heute etwas anders abmischen, aber im Grossen und Ganzen denke ich schon, dass es auch heute ein Hit werden würde.


S.T.: Ok, the last question. Drehen wir doch dieses Frage-Antwort-Spiel einmal um. Wenn Du Deine Fans etwas fragen könntest: welche Frage würdest Du ihnen stellen?

J.T.: (überlegt ziemlich lange und ich glaube, jetzt habe ich den Profi eiskalt erwischt) Hm, das ist eine gute Frage, die habe ich wirklich noch nie gestellt bekommen. Das ist wirklich schwierig (überlegt weiter). Ich glaube, ich würde wissen wollen, welche Frage sie MIR stellen möchten, das wäre meine Frage, haha.


S.T.: OK, vielen Dank für Deine Zeit, es war wirklich toll, Dich zu treffen und ich freue mich sehr auf den Gig heute abend.
 

 

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